Reine Formsache

Kennen Sie das: Sie sitzen in gemütlicher Runde mit netten Weinfreunden, jemand schenkt einen Wein ein und alle sind begeistert ob der Klasse und Eleganz des Gereichten, nur Sie denken bei sich: ‚was ist das denn für ein banaler Tropfen?‘ – obwohl Rebsorte und Art eigentlich genau Ihr Ding sein sollten? Und haben Sie schon einmal der Gelegenheit entgegengefiebert einen Wein, den Sie in jüngster Zeit mehrfach mit größtem Vergnügen getrunken haben, im vinophilen Freundeskreis vorzuführen, und wenn es dann endlich so weit ist, dass Sie Ihren Superstar präsentieren, tritt betretenes Schweigen ein, bis schließlich jemand verlegen etwas sagt, was ungefähr klingt wie ‚Ja, öhm, äh … also das ist wirklich okay, aber jetzt, so Begeisterungsstürme, äh…eher nicht…‘ und dann probieren Sie nach und stellen fest, dass Ihr Liebling sie gerade im Stich lässt und diese spezielle Flasche auch bei Ihnen keine Euphorie auslöst? Reine Formsache weiterlesen

Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft

Am Samstag durfte ich bei einer Weinprobe mitmachen, die so viele Erkenntnisse brachte, dass ich zwei Tage brauchte um alle Informationen zu verarbeiten. Zwanzig Probanden in wenigen Stunden, kleine Probeschlucke und ein paar Minuten pro Wein, eine mehr oder weniger zufällige Zusammenstellung des Feldes – all das sind Gründe Proben nicht überzubewerten und im Schnutentunker hinlänglich diskutiert. Diesmal war vieles anders und deswegen hat diese Probe nachhaltigen Einfluss auf mich.

Es begann schon mit der Entstehungsgeschichte, denn am Samstag fungierte ich zwar als Gastgeber, nicht jedoch als Ausrichter. Auf Facebook war die Idee der Probe entstanden und die Hälfte meiner Gäste waren das, was in wenigen Jahren wohl als ‚Facebook-Bekanntschaft‘ Aufnahme in den Duden finden wird. Die sozialen Medien führen also keineswegs zur Vereinsamung im echten Leben, wenn man sich denn traut.

Das Thema der Verkostung hieß Blaufränkisch versus Lemberger – der Vergleich Deutscher und Österreichischer Weine aus der gleichen roten Rebsorte (die länderspezifisch einen unterschiedlichen Namen trägt). Allerdings war die Themengebung nicht chauvinistischen Ursprungs, niemand wollte einen Nationensieger küren. Würde man die Herkunft blind erkennen, lautete vielmehr die Frage. Das Thema Lemberger ist so eng, dass man es mit einer Probe erfassen kann, die Österreicher haben zwar große Vielfalt zu bieten, fahren aber auch nicht hunderte von Top-Erzeugern auf. Es stand also zu erwarten, dass wir mit nur einer Probe das Thema sehr gründlich erforschen und ein belastbares Ergebnis erhalten würden.

Zwei Gruppen standen zur Verkostung: gehobene Basisweine bis 15 Euro und Top-Vertreter aus der Reserve- und GG-Klasse bis 35 Euro. Die absolute Spitze Österreichs liegt preislich darüber, blieb außen vor. Aber Moric und Co. sind die Weine, die die meisten am Tisch eh mit Blaufränkisch assoziieren und an deren manchmal überragender Qualität sowieso keine Zweifel herrschten.

Espresso macht den Lemberger

Je ein Österreicher und eine Deutscher kamen blind ins Glas und die erste Frage ist schnell beantwortet: Ja, man erkennt die Deutschen. Bei sieben von acht Paaren waren sich alle sofort einig und lagen richtig. Es ist die Nase. Poetisch ausgedrückt lautet unsere Erkenntnis: Wenn das Fass der Nase einen Espresso spendiert, ist der Blaufränkisch ein Lemberger. Es ist tatsächlich alleine der Einfluss des Holzfasses, der die Weine so erkennbar macht und dieses nur in der Nase. Denn der Holzeinsatz war bei allen bis auf zwei Weine unglaublich gelungen und die beiden verhaltensauffälligen waren ausgerechnet Österreicher.

Die Nase führte zu einer weiteren Erkenntnis: sie ist nicht die Stärke der Rebsorte und sie unterscheidet sich oft nur minimal. Diffuse Waldbeeren und Schuhcreme standen am Ende bei mir bei fast allen Weinen auf dem Notizzettel, danach manchmal ein paar Eigenheiten – lediglich der schwefelfreie ‚Blaufränkisch ohne‘ von Hareter vom Neusiedlersee war vollkommen anders und erinnerte mich an mit Zitrone aromatisierten grünen Tee (sie wissen schon, diese Teebeutel, die wir nur verwenden, wenn keiner zuschaut).

Die wichtigste Erkenntnis des Abends betraf die Deutschen Vertreter im Feld. Lemberger gibt Antwort auf die Frage, die der Spätburgunder aufwirft: Kann man in Deutschland mühelos vernünftigen Rotwein machen? Alle zehn Lemberger wirkten, als wären sie mühelos und ohne Tricks aus reifen Trauben gemacht, ohne grüne Noten, nie dünn, nie überextrahiert, ohne Marmeladensüße, nicht chaptalisiert, mit harmonischem Alkohol zwischen 12,5 und 13,5 Prozent, den überall erahnbaren Holzeinsatz mühelos verkraftend – einfach rund und stimmig. Selbst ich als Liebhaber muss zugeben, dass das bei einer Spätburgunderprobe ähnlichen Zuschnitts keinesfalls eine Selbstverständlichkeit wäre. Da gäbe es immer mindestens zwei dünne, zugeholzte Kandidaten, bei denen ich an Deutschland als Rotweinland verzweifeln möchte. In einem Satz: Trinkt mehr Lemberger!

Das Verkostungsfeld Lemberger vs. Blaufränkisch
Das Verkostungsfeld Lemberger vs. Blaufränkisch, die Flaschen vier bis sieben von rechts gab es außer Konkurrenz zum Essen. Sie waren die Reservebank für Korkausfälle und wussten ebenfalls zu gefallen.

Bei der ersten Hälfte des Probenfeldes herrschte viel Einigkeit, die Schwankungen in den Bewertungen waren gering, die Sieger und Verlierer eindeutig. Österreich beherrscht die Basis besser, möchte man meinen, aber wichtiger war, dass auch noch der vorletzte Platz an einen Wein ging, den jeder mit Vergnügen trinken mochte. Den letztplatzierten Lemberger durfte ich am nächsten Tag beim Aufräumen nachverkosten und er präsentierte sich deutlich besser, hätte das Feld zwar nicht von hinten aufgerollt, war aber rehabilitiert. Es war seit langem meine erste Probe ohne irgendeinen schlechten Wein. Die Weine kamen von verschiedenen Teilnehmern und waren – auch dank reger Facebook-Diskussion mit nicht teilnehmenden Weinfreunden, Winzern und Händlern – sorgfältig selektiert.

Bei den besseren Qualitäten herrschte Einigkeit nur beim ersten und den beiden letzten Plätzen, sonst hatte jeder seine eigenen Favoriten (hier der Bericht eines Teilnehmers). Beim fünften Wein des zweiten Teils, wurde es allerdings kurz still in der Runde. Das kam der Perfektion nahe. Glücklicherweise blieb ein halbes Glas über und ich konnte den Wein am Sonntag noch einmal nachverkosten. Da sich bei mir die gleiche Begeisterung einstellte, bespreche ich ausnahmsweise einen Wein, von dem ich nur je ein halbes Glas an zwei aufeinanderfolgenden Tagen getrunken habe. Wenn Wein so richtig grandios ist, braucht es nicht viel mehr um die Qualität zu erkennen.

Der deutliche Sieger des Abends – ein LembergerGraf Adelmann, ‚Der schwarze Löwe‘, Kleinbottwarer Süßmund, Lemberger GG, 2009, Württemberg. Der Wein hat eine typische Lemberger-Nase. Das duftet für mich nach Schuhcreme, etwas Toffee und Kaffee, Waldbeeren und etwas Himbeere. Am Gaumen hat der Wein etwas Magisches: kühl, sehr strukturiert mit fantastischer Säure, schlank und elegant mit dezenten 13% Alkohol, tänzelnd aber kraftvoll genug um Eindruck zu machen. Süße Frucht wirkt keineswegs vordergründig, die dezenten Röstnoten vom Fassausbau passen perfekt und das ganze Paket hat enormen Tiefgang – der aber nicht zu Lasten des Trinkfluss geht. Das entspricht zu hundert Prozent meiner Vorstellung eines eleganten Rotweines.

Gekühlte Zicke

Manche Themen beschäftigen mich so sehr, dass ich sie mit einem Blogpost alleine nicht abarbeiten kann. So auch die im letzten Bericht angeklungene Thematik der Preise guter und sehr guter Rotweine aus der Spätburgundertraube. Dazu habe ich die Angewohnheit beim ersten Kälterückschlag des Frühjahres – und der kommt in Berlin so sicher wie das Amen in der Kirche – einen unbändigen Heißhunger auf Pinot zu entwickeln. Und dann war da noch die zum X-ten Male aufgetauchte Diskussion um die Preise deutscher Premiumweine, die auf Mario Scheuermanns hier zu findenden Versuch einer Grand-Cru-Klassifikation hiesiger Spitzengewächse auf Preisbasis folgte. Beim Griff zu einem Spätburgunder GG aus dem Hause Knipser war also viel Unterbewusstsein im Spiel.

Die Knipsers gehören zu den bezahlbaren Produzenten der ersten Liga deutschen Pinots. Sie können sich vor positiver Presse kaum retten. Ihr Kirschgarten GG hat auch international schon häufig für Furore gesorgt, weswegen es wohl in einer Liste deutscher Grand Crus, die nicht lediglich Verkaufspreise zugrunde legte, einen gesicherten Platz hätte. In meinem Freundeskreis stoßen ihre Weine aber nicht nur auf Begeisterung und bei einigen Blindproben der jüngeren Vergangenheit landete das eine oder andere Knipser GG lediglich im Mittelfeld, Tenor jeweils: das ist ein bisschen viel des Guten. Und das ging mir auch beim Mergelweg GG aus 2005 durch den Kopf, als ich einen ersten Schluck aus der frisch geöffneten Flasche nahm. ‚Hui, das ist sehr viel Kraft, sehr viel Holz, sehr viel Alkohol!‘

Studieren geht über probieren

Nun trinke ich zuhause meine Weine und probiere nicht nur und sie reichen meistens mehr als einen Abend. Der Mergelweg machte schon nach zwei Stunden deutlich mehr Spaß und am zweiten Abend ergab es sich dann, dass ich den Wein – der die Zwischenzeit im Kühlschrank verbracht hatte – deutlich zu kalt einschenkte. Beim langsamen Erwärmen zeigte sich, dass das GG bei immer noch leicht kühlen 14 oder 15 Grad seinen alkoholischen Schrecken verlor. Das Holz – sonst bei leicht gekühltem Rotwein eher unangenehm – hatte sich zwischenzeitlich veratmet. Was übrig blieb war ein absolut wunderbares Erlebnis. Dass der Wein nach acht Jahren über 24 Stunden in der Flasche noch zulegt, empfinde ich dabei als Qualitätsmerkmal.

Also ist eigentlich wieder alles beim Alten: Spätburgunder ist eine Zicke, wer ihn mit einem Zeitplan im Kopf aufmacht, wird meist enttäuscht, wer ihn öffnet und bereit ist stundenlang auf den optimalen Trinkzeitpunkt zu warten, mit Luft und Temperatur zu experimentieren und auch dann nicht weint, wenn all das nicht hilft, der hat ihn sich redlich verdient: den wundervollen Pinot-Moment.

Knipser Mergelweg GGKnipser, Mergelweg GG, Spätburgunder, 2005, Pfalz. In der Nase unmittelbar nach dem Öffnen viel Holz, rote Früchte, Blut, Leder und Schuhcreme. Das ist eigentlich der Mix, der mich in Verzückung versetzt und an der Nase gibt es auch zu keiner Zeit etwas auszusetzen. Mit der Zeit tritt das Holz etwas in den Hintergrund und wäre nicht ein bisschen Alkohol im Spiel, wäre es eine Weltklasse-Nase. Am Gaumen erst sehr voll, später deutlich eleganter, süße Frucht, Kirsche und dunkle Beeren, spürbare Säure, die den Wein herrlich strukturiert, zunächst etwas brandig und zu konzentriert, mit Luft klassischer und leicht gekühlt dann großartig. Sehr seidiges Tannin, deutliche Röstaromen, sehr saftiger, langer Abgang.

 

Weinentdeckungsgesellschaft: Liebesheirat

Der neue Entdeckerwein ist da. Carsten Henn veröffentlicht einmal im Jahr einen Wein, der neue Erkenntnisse bringen soll. Diese Nochniedagewesenen sind immer ein besonderes Vergnügen. Wer mehr zum Projekt wissen will, der findet hier eine Erklärung, in der Weinliste finden sich unter W (wie Weinentdeckungsgesellschaft) alle bisherigen Entdeckerweine.

Dieses Jahr geht es um den Müller-Thurgau und den Versuch, den besten je produzierten auf die Flasche zu bringen. Wenn man Erbsen zählt, kann man bemängeln, dass es diese Idee schon gab. Der Weinkritiker Stuart Pigott hat bereits einen Müller-Thurgau (auch Rivaner genannt) mit der Sorgfalt eines Großen Gewächses ausgebaut. Den gab es nicht zu kaufen und ich habe ihn nie getrunken. Die ihn getrunken haben und mir davon berichten mochten, haben alle die Worte ‚Monster‘ und ‚Frankenstein‘ in den Mund genommen, wenn sie von Pigotts Rivaner sprachen. Das Experiment ist wohl nicht so erfolgreich gewesen.

Jetzt also die Entdeckungsgesellschaft in Kollaboration mit dem Weingut Huber: Viel Mühe haben sie sich gegeben aber den Rivaner Rivaner sein lassen – also keine extrem späte Ernte und Überreife. 40 Jahre alte Reben, im Ertrag reduziert und durch Traubenteilung noch ein paar Grad Öchsle mehr raus gekitzelt aber nicht in Rieslingdimensionen gepeitscht. Im September gelesen und in drei Partien ausgebaut. Ein neues Barrique war mit im Spiel, dazu ein gebrauchtes und ein Stahltank. Im Holz wurde der Müller-Thurgau wie ein dicker Chardonnay behandelt, mit Hefe aufrühren und allem, was dazu gehört. Im Stahltank durfte der Rivaner er selber sein, mit Säure und Kohlensäure. Huber und Henn haben auf Zucker verzichtet, sowohl beim Most wie auch beim Wein: nicht angereichert und durchgegoren auf vier Gramm Restzucker. Dann wurde vermählt und ein bisschen gedopt, mit einem Schuss Chardonnay und Muskateller.

Der Wein besitzt die Textur eines großen Weines aber nicht seine aromatische Tiefe. Landauf landab wird in den nächsten Wochen der Ruf erschallen: ‚Das ist Müller-Thurgau? So viel kann man aus dieser Rebsorte rausholen?‘ Doch ich vermute, keiner wird sagen: was für ein Schnäppchen. Oder anders gesagt: für einen Müller-Thurgau ist das ein Hammer, für einen 24-Euro-Wein nicht unbedingt. Dazu fehlt die Vielschichtigkeit. Da stößt das Experiment an seine Grenzen. Die Bäume wachsen nicht in den Himmel für den Müller-Thurgau. Wie weit sie wachsen können, das wollte ich schon immer wissen und jetzt durfte ich es entdecken. Dafür ist die Weinentdeckungsgesellschaft da. Mission accomplished.

Weinentdeckungsgesellschaft_LiebesheiratWeingut Huber & Deutsche Wein-Entdeckungs-Gesellschaft, ‚Liebesheirat’, Müller-Thurgau, 2012, Baden. Farbe ist für mich kein Qualitätskriterium, trotzdem finde ich die Farbe des Weines erwähnenswert, er ist fast farblos. Die Nase ist sehr angenehm: die duftige Blumigkeit des Müller-Thurgau ist da, die Muskatnote eher nicht, da ist das Holz vor, das aber auch nur dezent durchscheint., Frucht ist da aber nicht leicht zu benennen, Apfel, Birne, sucht Euch was aus, Kräuter tauchen auch noch auf. Am Gaumen unmittelbar nach dem Öffnen ein echter Rivaner, Leichtwein, süffig, schlotzig. Mit zwei Stunden Luft wird es sehr viel spannender, da kommt eine starke, süße Frucht durch, dazu Nuss, etwas Holz, Nougat. Schöne Textur und Mineralik/Phenolik, plus Gärkohlensäure, plus Frische, plus etwas Gerbstoff – das ergibt enorm viel Volumen im Mund, das weder von Alkohol, noch von Zucker stammt. Das ist hochspannend und gleichzeitig einfach zu trinken. Was auffällt ist der extrem lange Abgang.

Und weil in den letzten Jahren in den Kommentaren zu den WEG-Artikeln immer Fragen kamen, hier die Gebrauchsanweisung: Wer jetzt einen aufmachen will, sollte ihm zwei Stunden Luft gönnen, einfach ein kleines Glas nach dem Öffnen einschenken und probieren, den Rest für zwei Stunden zurück in den Kühlschrank. Ich habe die angebrochene Flasche mit auf Reisen genommen. Dabei wurde die gesamte Kohlensäure aus dem Wein geschüttelt. Das hat ihm gar nicht gut getan. Also verzichten Sie auf die Karaffe. Der Wein benötigt keine weitere Flaschenreife, sondern präsentiert sich jetzt so, wie er vermutlich gedacht ist. Wer nur eine Flasche hat, sollte sie nicht ewig liegen lassen.

Strategischer Wein

Vor vielen Jahren leitete ich in einer großen Vertriebsorganisation die Abteilungen, die nicht direkt am Kunden agierten, also was man neudeutsch Operations sowie Strategie&Planung nennt. Dabei lernte ich, dass die besten Verkäufer sich häufig dadurch auszeichnen, dass sie keine rechte Lust zum verkaufen haben. Viele von denen, die besonders talentiert im absatzorientierten Umgang mit Menschen waren, standen regelmäßig bei mir auf der Matte, um die Möglichkeit eines Wechsels zu diskutieren. Sie wollten ‚irgendwie strategisch‘ arbeiten.

Seit einiger Zeit lerne ich durch mein Blog regelmäßig Weinmacher kennen, also jene Spezis Werktätiger, die als angestellte Betriebsleiter oder Kellermeister in fremden Gütern Trauben in Wein verwandeln. Dabei lerne ich – liebe Weinmacher, Ihr müsst jetzt ganz tapfer sein – dass es deutliche Parallelen zwischen der Weinwelt und dem Vertrieb gibt. Ich treffe vermehrt Menschen, die das ‚Weinmachen‘ aufgegeben haben um ‚irgendwie strategisch‘ zu arbeiten. Und wenn ich mal das Vergnügen habe einen Wein zu trinken, den diese in ihrer noch aktiven Zeit auf die Flasche brachten, denke ich: auch hier scheint es einen Zusammenhang zwischen Talent und Unwillen zu geben.

Einer dieser ‚Strategen‘ ist mein Freund Peter W., den ich – seit mein erster Artikel über einen seiner Weine ihn auf Platz eins der Google-Ergebnisse für die Suche nach ‚arroganter Sack‘ gehievt hatte – hier nicht mehr mit vollem Namen nennen mag. Er hatte sich bei unserem Kennenlernen gerade als Leiter der Weinabteilung eines Lebensmittelgroßhändlers verdingt. Vor einigen Tagen schickte Peter mir ein paar Flaschen seines 2007er ‚Hausweins‘. Er habe damals zu viel produziert und nachdem er gelesen hatte, dass mir der Jahrgang 2007 zusagt, wollte er mir etwas davon überlassen. Wenn er mir gefiele, ginge die Gastrorechnung bei unserem nächsten Zusammentreffen auf mich.

Ich war gespannt auf diesen Wein, der – wie bei Peter nicht anders zu erwarten – ohne jedes Etikett bei mir eintrudelte. Immerhin schickte er mir ein Pdf mit Etiketten zum selber drucken per E-Mail. Das verriet leider nicht mal die Rebsorte. Was soll’s: Es hat auch was gutes, einen Wein vollkommen blind zu probieren mit nichts als dem Jahrgang und der Farbe als Anhaltspunkt.

Ohne Etikett aber mit original Rheingauer Kellerstaub – De Brevitate Vitae
Ohne Etikett aber mit original Rheingauer Kellerstaub – De Brevitate Vitae

De Brevitate Vitae, Deutscher Tafelwein, 2007, Peter W. (Rheingau). In der Nase zunächst ein angenehm gereifter Riesling mit Aprikose und Aloe Vera. Eine leichte Honignote legt eine falsche Fährte in Richtung Botrytis und Süße. Nach einer Stunde wandelt sich das Bild, es treten deutliche Holz- und Raucharomen in den Vordergrund, die erst am dritten Tag wieder dezenter werden. Am Gaumen dauerhaft eine harmonische aber deutliche Säure (2007er Säure eben) und dazu ganz viel Schmelz, satte Frucht (mürber Apfel und gebratene Ananas), volles Mundgefühl mit leichten Röstaromen und etwas Gerbstoff. Peter hat mit einem neuen Barrique und einem ‚selbstgebastelten Solera-Verfahren‘ experimentiert (bevor Riesling und Barrique zur Mode wurde), dabei nur Lesegut ohne Botrytis verwendet und ein paar Effekte hinbekommen, für die ich mangels ausreichendem Wortschatz einfach ‚crazy‘ in mein Notizbuch schrieb. Der Alkohol ist mit 12,5% unauffällig, der Abgang sehr lang und spannend.

Als ich am dritten Tag den letzten Schluck getrunken hatte, machte ich etwas, was ich seit fünf Jahren nicht gemacht habe: vom gleichen Wein eine weitere Flasche auf. Mehr Begeisterung geht bei mir nicht.

Peter hat seinen Job im Handel wieder aufgegeben. Er arbeitet jetzt als Verwalter einer kleinen Genossenschaft, die nach rasanter Talfahrt nur noch eine Hand voll Mitglieder und außer ihm keine Angestellten hat. Das ist eine durch und durch strategische Aufgabe. Zum Glück muss er dabei auch wieder Wein machen. Und vielleicht lernt er sogar das Etikettieren…

Viel Erfolg, Peter!