Das Reifeverhalten von Bonn

Ich habe etwas getan, was mich eindeutig als weinverrückt charakterisiert. Ich bin frühmorgens in einen Zug gestiegen, quer durch die Republik nach Bonn gefahren, habe an einer Weinprobe teilgenommen und bin direkt in einen Nachtzug gestiegen und wieder zurück gefahren. Anlass war ein Bloggertreffen. Wenn Sie bei ‚Bloggertreffen‘ jetzt an ein paar selbsternannte Nachwuchsweinpäpste denken, die sich auf eine Rheinwiese hocken, diverse Guts- und Ortsrieslinge öffnen und dabei jede Menge selbstreferentielle Tweets und Facebookeinträge in Ihre Mobiltelefone hacken, dann haben Sie die vergangenen fünf Jahre vermutlich im Koma gelegen. Das Reifeverhalten von Bonn weiterlesen

Tapetenwechsel

Heute mal eine Nachricht in eigener Sache: Dieses Blog ist endlich auf seine eigene Domain umgezogen. Das ist der Grund für das neue Erscheinungsbild, denn leider musste ich mich dabei von meinem geliebten gräsernen Kleingärtnerdesign verabschieden – das dafür verantwortliche Modul wird vom System nicht weiter unterstützt.

Wie das so ist bei Umzügen, habe ich die Gelegenheit auch für weitere Veränderungen genutzt. Ich habe meine Unterzeile getauscht. Das Blog firmiert ab sofort nicht mehr als ‚Tagebuch eines ahnungslosen Enthusiasten‘. Das neue Motto: ‚Affektiertes Nippen hilft nix‘ ist ein Zitat, welches ich erst in einigen Wochen zu erklären vermag. Sie können ja so tun, als seien Sie auf die Auflösung mordsmäßig gespannt.

Zur Nachtschicht gab es einen Wein ins Glas. Das einzige was in meinem Keller zum Umzug des Blogs zumindest lautmalerisch zu passen schien, war dieser hier. Den hatten wir schon mal, aber er hat ein Update verdient, ganz wie das Blog.

Vergelegen_ganzVergelegen, Vergelegen rot, Rotweincuvée, 2001, WO Stellenbosch, Südafrika. In der Nase ein Riesenpaket: Cassis, Bleistiftspäne, Lakritz, Leder, Zeder und so weiter – alles, was man sich von einer guten Cabernet-Merlot-Cuvée erwartet. Am Gaumen fruchtig, beerig, und ätherisch (15% Alkohol müssen ja irgendwo bleiben). Trotzdem bleibt mein Urteil von 2010 gültig, es ist unglaublich, wie fein dieser Wein trotz zurückhaltender Säure und hohem Alkohol erscheint. Die Frucht wirkt keine Spur marmeladig und die Struktur ist sehr elegant. Der Abgang hält sehr lang – immer noch ein toller Wein und immer noch nicht auf dem Höhepunkt seiner Trinkreife angelangt.

Potente Kunden

Meine Ehefrau überraschte mich letzte Woche mit der Ankündigung, sie habe Heißhunger auf Rinderfilet. Sprach’s und ging einkaufen. Ich konnte mich mit dem Gedanken gut anfreunden und dekantierte schon mal einen Bordeaux. Duhart-Milon 2001 sollte es sein. Die Zeit bis zum Essen verbrachte ich mit etwas Recherche im Internet. Was ich da fand, erinnerte mich einmal mehr an eine Filmszene, die ich vor Jahren sah und an die ich mich im Zusammenhang mit Bordeaux regelmäßig erinnere. In irgendeinem Fernsehkrimi klärte eine Prostituierte einen Polizisten über einen grundsätzlichen Sachverhalt ihres Gewerbes auf. Wörtlich sagte sie ‚es gibt keine Tausend-Dollar-Callgirls, es gibt nur Tausend-Dollar-Freier‘. Was sie damit wohl zum Ausdruck bringen wollte ist, dass es zwar Qualitätsunterschiede in ihrem Dienstleistungssektor gäbe, jedoch keine, die die teils exorbitanten Preise rechtfertigten, die die Spitzenverdiener der Branche einforderten. Es ist das Wissen um den hohen Einkaufspreis, das für einen wesentlichen Teil des Lustgewinns beim Kunden sorgt.

Ich glaube, es gibt eine Menge Waren und Dienstleistungen, die diesen Reflex zu bedienen wissen. Wein gehört dazu. Und unter den Weinen dürfte Chateau Lafite derjenige sein, bei dem sich Preis und objektive Qualität (so es so etwas bei Wein überhaupt gibt) in jüngster Zeit am weitesten voneinander entfernt haben. Da chinesische Weinliebhaber der festen Überzeugung sind, dies sei der beste Wein der Welt, hat ihre Nachfrage den Preis des Weines in wenigen Jahren verzehnfacht (ohne dass sich an der Qualität des Weines etwas verändert hätte). Und weil diese Überzeugung sich vor allem unter Menschen breit macht, die über viel Geld aber wenig Weinwissen verfügen, sind auch die anderen Weine der Domäne, etwa der Zweitwein Carruades de Lafite und sogar das Nachbarchateau Duhart-Milon – Domaines Barons de Rothschild (Lafite) in diesen Boom hineingezogen worden. So gibt es denn im fernen Osten Legionen von Menschen, die teils nur mittelmäßigen Wein mit größtem Vergnügen konsumieren, bloß weil er wahnsinnig teuer ist.

Soweit das gängige Märchen; die Wahrheit sieht wohl etwas anders aus. Denn mein Ausflug ins Internet zeigte mir: es gibt einen funktionierenden Sekundärmarkt für alle diese Weine in Europa. Auch in Kreisen, die vermutlich gerne und regelmäßig über ‚die Chinesen‘ spotten, werden für meinen Duhart-Milon mittlerweile 75 Euro bezahlt. Als ich ihn anschaffte, kostete er noch 25 und mehr könnte ich dafür unter Preis-Leistungs-Gesichtspunkten auch nicht ausgeben. Ich bin vermutlich nur ein Hundert-Dollar-Freier.

Chateau Duhart-Milon, 4ème Grand Cru Classé, 2001, Pauillac. In der Nase Leder, Pflaume, schwarze Johannisbeere, grüne Paprika, Zedernholz und Tabak,  eher leicht und kühl. Am Gaumen ist der Wein im besten Sinne schlank. 12,5% Alkohol sind kaum spürbar, trotzdem ist der Wein kein dünnes Weinchen. Feine Frucht (Pflaume, rote Johannisbeere) treffen auf etwas Mineralik und das, was in Weinkreisen so gerne Graphit oder Bleistift genannt wird. Die Säure ist spürbar aber passend, das Tannin ist weich. Der Abgang währt sehr lang. Es ist etwas abgedroschen, aber ich möchte den Duhart-Milon trotzdem ‚aristokratisch‘ nennen. 89 Punkte weist die Literatur als gängige Kritikermeinung zu diesem Jahrgang aus, mir gefällt er einen Hauch besser.

Ein Mann für gewisse Stunden

In meiner kleinen Familie werden besondere Ereignisse gerne mit besonderen Weinen begangen. Da wir einen besonderen Geschmack haben, greifen wir, wenn das besondere Ereignis fernab unseres Zuhauses stattfinden könnte, gerne zu einer besonderen Maßnahme: wir nehmen den Wein einfach mit.

Molitor meets Mittelmeer

Das habe ich hier schon einmal beschrieben. Da meine sehr viel bessere Hälfte es gerne fruchtig mag und ich dezente Reife liebe, gibt es mittlerweile einen Grundkonsens: gereift, feinherb und Mosel sind die Stichworte und besonders gerne: Markus Molitor. Also ging einer seiner Weine dieser Tage wieder mit uns auf Tour.

Markus Molitor, Zeltinger Sonnenuhr, Riesling Auslese ** feinherb, 2001, Mosel. In der Nase hochreife Frucht: Pfirsich, Maracuja und eine leichte Honignote, die den Verdacht nahelegt, es sei ein wenig Botrytis im Spiel. Am Gaumen entsteht dieser Verdacht ebenfalls, wenngleich der Wein nicht unverhältnismäßig dick ist. Ein seltenes Phänomen bei einem Riesling ist hier zu beobachten, der Wein schmeckt, wie er riecht. Es gesellt sich ein sehr dezenter, animierender Bitterton zum Spiel von gemäßigter Süße und schön gereifter Säure. Im Langen Abgang klingt die Sonnenuhr auf einer mineralischen Note aus. Alles ist am Platz und greift ineinander. So soll in meinen Augen ein gereifter feinherber Riesling schmecken. Ein Ausnahmewein.

Mosel calling

Über Sinn und Unsinn von Telefonmarketing im Weinvertrieb habe ich vor einigen Monaten anhand des Weingutes Heymann-Löwenstein geschrieben. Zur Erinnerung: ich habe absolut nichts gegen gelegentliche Anrufe von Winzern oder deren Mitarbeitern. Bei H-L orderte ich so rechtzeitig, die hervorragende und mittlerweile ausverkaufte Jubiläumscuvée.

Das Weingut Markus Molitor gehört ebenfalls zu den gelegentlichen Anrufern auf meinem Privatanschluss. Und auch mit diesem Rieslingproduzenten hatte ich die Tage ein positives Telefonerlebnis. Denn das Schöne am direkten Kontakt ist, dass man nachfragen kann. Hätte ich so einen Wein auf einer Preisliste oder einem Mailing gefunden, ich hätte einen Bogen drum gemacht: ein trockener Riesling aus 2001 aus der Halbflasche (!), die bekanntlich erheblich frühere Flaschenreife beschert als die Normalflasche. Aber auch auf skeptische Nachfrage versicherte mir der freundliche Herr Lua, dieser Wein sei jetzt optimal reif und könne sogar noch eine halbe Stunde Belüftung vertragen. Recht hat er. Drei Halbflaschen haben bisher ein identisch geniales Erlebnis gebracht.

Markus Molitor, Zeltinger Sonnenuhr, Riesling Auslese ** (trocken), 2001, Mosel. In der Nase erstaunlich frisch und fruchtig: Pfirsich, Mango und Maracuja, etwas Aloe Vera und nur sehr dezente würzige Reifenoten. Am Gaumen vor allem saftig, mit süßer Frucht von Apfel und Maracuja. Der Wein ist kein Kraftprotz, sondern ein fest gewirkter Riesling mit klarer Frucht, schöner Säure, mäßigem Restzucker und deutlich spürbarer Mineralik. Der Abgang reicht fast ewig.