Wird Herbst da draußen – und im Glas…

So wie ich im Juli gelegentlich Spätburgunder trinke, mundet mir auch im Dezember Riesling, aber die Grundfarbe des Sommers ist Weiß, die des Winters Rot. Der Herbst ist die Jahreszeit, in der ich gedanklich auf Rotwein umstelle.

Dieses Jahr habe ich meine Rotweinsaison mit Bordeaux eingeleitet. Leider waren gleich drei Versuche nötig, bis ich die Premiere gelungen fand. Denn der erste Wein, den ich mir schnappte war extrem anstrengend:

(Grand Vin du) Chateau Phélan Ségur, Cru Bourgeois, 1996, Saint Estèphe. Am ersten Tag war der Geruch, der dem Glas entströmte unerträglich, auch nach Stunden in der Karaffe: Pferdestall, Brett oder wie auch immer (hier findet sich ein schöner Artikel dazu). Auch am zweiten Tag wird das nicht viel besser. Darunter etwas Liebstöckel, Pflaume und Johannisbeere. Am Gaumen milde Säure, Kirsche mit mittlerem Druck. Schöne Struktur, eher elegant (12,5% Alkohol) aber immer von den stalligen Noten überlagert, die sogar am Gaumen Spuren hinterlassen. Perfekt integriertes, reifes Tannin, mineralischer Abgang. Es könnte ein eleganter Wein sein, wenn er nicht so penetrant stänke. 85 Punkte

Der zweite Versuch war besser, aber auch noch keine würdige Saisoneröffnung:

Chateau La Louvière (André Lurton), Grand Vin de Graves, 1999, Pessac-Léognan. In der Nase Kirsche, Leder und Zigarrenkiste, das alles von mittlerer Intensität. Am Gaumen mäßig druckvoll, wirkt der Wein fast ein bisschen müde. Vielleicht ist er schon ein oder zwei Jahre über seinen Zenit. Johannisbeere, grüne Paprika, relativ wenig Tannin und kaum mehr wahrnehmbares Holz treten in Erscheinung, entfalten aber zu wenig Druck. Um als elegant durchzugehen, müsste der La Louvière komplexer sein. Der Abgang ist mittellang. 13% Alkohol sind sehr gut integriert. Ein schöner Alltagswein und seriöser Essensbegleiter aber nicht mehr.

Also schoss ich mit Kanonen auf Spatzen. Wäre doch gelacht, wenn ich nicht noch einen vernünftigen Wein ins Glas kriege:

Cos d’Estournel, 2eme Cru, 1997, Saint Estèphe. In der aristokratischen Nase Leder und Zeder, nur wenig Frucht (Kirsche, Cassis, Blaubeere) und dazu etwas Veilchen, Bordeaux trifft Morgon. Am Gaumen fruchtiger mit Kirsche und Johannisbeere, dazu Holz, Teer und Speck bei erstaunlich abgeschmolzenem Tannin. Die Säure ist auf dem Punkt, relativ volles Volumen, ohne dass der Wein dick wäre, 13% Alkohol treten nicht besonders zu Tage. Sehr harmonischer langer Abgang mit mineralischen Noten. Das ist ein stimmiges Gesamtpaket, und ich glaube nicht, dass weitere Flaschenreife den Wein verbessert. Vor fünf Jahren deutete eine erste Flasche großes Potential an, das hat sich teilweise bewahrheitet. An der magischen 90-Punkte-Hürde scheitert der Cos jedoch knapp.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Das Weingut Koehler-Ruprecht zeigt in vielerlei Hinsicht zwei Gesichter. Zum einen produziert es mit der Kallstadter Saumagen Auslese trocken ‚R‘ einen Wein, der gesucht und rar ist wie sonst nur Kellers G-Max, zum anderen sind die anderen Rieslinge des Hauses in der allgemeinen Wahrnehmung eher durchschnittlich. Markentechnisch fährt man zweigleisig: ‚normale‘ Weine segeln unter der Koehler-Ruprecht-Fahne und Barrique-Weine unter dem Label ‚Philippi‘. Bei letzterem werden die Weine mit einem oder auch mehreren R’s benamt, wenn sie besonders gut sind und besonders lange im Fass lagen. Das Weingut wird in Medien als Deutscher Pionier des Holzeinsatzes gefeiert, und in Internet-Weinforen artikulieren einzelne Kunden Zweifel an der Fasshygiene des Hauses. Ich kenne nicht genügend Weine des Gutes, um eine fundierte Meinung dazu zu entwickeln, finde aber, dass das eine bemerkenswerte Spanne von Lob und Tadel ist.

Eindeutig positiv zu bewerten ist in meinen Augen die Politik des Hauses, Weine solange reifen zu lassen, bis sie fertig sind. In der Hinsicht ist Kallstadt das Lynchburg des deutschen Weinbaus. Wer keinen Keller für die Lagerung hat, aber mal einen gereiften Spätburgunder oder Chardonnay trinken will, kann hier Weine ab Gut erwerben, die teilweise sieben Jahre gelagert sind – nicht, weil sie keiner kaufen wollte, sondern weil das Gut sie erst nach dieser Zeit zum Verkauf freigegeben hat. So wie dieser Wein, der (wenn ich es richtig erinnere) erst 2007 in den Handel kam.

Koehler-Ruprecht, Philippi Chardonnay ‚R‘, 1999, Deutscher Tafelwein Rhein (Pfalz). In der Nase erstaunlich frisch aber auch zurückhaltend. Chardonnay mit nicht zu intensivem Holzeinsatz ist die erste Assoziation, ohne dass einzelne Aromen besonders hervorträten. Am Gaumen setzt sich die Täuschung fort: 2007 hätte ich wohl in einer Blindprobe getippt. Der Wein ist nicht sehr fett und nicht sehr holzlastig. Stattdessen treten Säure und Mineralik in den Vordergrund. Das sonst so akzentuierte buttrige Aroma, die Haselnuss, das cremige Mundgefühl – alles Fehlanzeige. Man ist aber nie versucht, auf etwas anderes als Chardonnay zu tippen. Alkoholische Wärme fehlt ebenfalls, der Wein hat mit 13,5% Alkohol auch ein Prozent weniger als die meisten Vertreter dieser Kategorie. Der erste Wein, der sich mir vor allem darüber definiert, was er alles nicht ist – irgendwie surreal. Es ist in jedem Fall der mineralischste Chardonnay, den ich bisher getrunken habe.

Als Essensbegleiter zu Huhn mit Erdnusssoße macht der Wein eine exzellente Figur. Solo danach weitergenossen entwickelt sich ein schöner Trinkfluss. Das ist eine wundervolle Erfahrung um und bei 90 Punkten und ein Erkenntnisgewinn.

Flüssiges Feindbild

Joel Peterson sieht auf Fotos wie ein echter Cowboy aus, dabei ist er eigentlich Sohn eines Chemikers und selber auch einer. Zumindest war er es mal, denn schon seit Mitte der 1970er ist Peterson Winzer. Sein Weingut Ravenswood gehört mittlerweile zum Konzern Constellation Brands und ist eher das, was man hierzulande eine Kellerei nennt, denn Peterson verarbeitet vor allem zugekaufte Trauben – er ist immer noch Chefönologe des Unternehmens.

Das Ravenswood sich konsequent der Produktion von kräftigen Fruchtbomben verschrieben hat, stellte das Unternehmen von Anfang an klar, indem es sich den Slogan ‚No Wimpy Wines‘ (Keine schlaffen Weine) verpasste. Auftritt und Anspruch Petersons bedienen das Übersee-Klischee von den artifiziellen Industrieweinen schon sehr ordentlich. Um alle Unklarheiten zu vermeiden ist Peterson aber auch einer der ganz wenigen Winemaker (ehrlich gesagt: der einzige, den ich kenne, aber ich bin kein Experte), der offensiv mit ‚neuen önologischen Methoden‘ an die Öffentlichkeit geht. Das ist bei Ravenswood vor allem gezielte Mikrooxidation und der Einsatz von Eichenholz-Chips. Die Einstiegsserie ‚Vintners Blend‘ wird mit Chips produziert. Getreu dem amerikanischen Motto: es ist immer begrüßenswert, Kosten zu senken und den Profit zu erhöhen, wenn dabei keine Arbeitsplätze vernichtet und Verbraucher gefährdet werden, macht Ravenswood aus dem Einsatz dieser Methoden kein Geheimnis und erlaubt es auch, die Produktionsanlagen zu filmen. Zu sehen waren sie vor einiger Zeit in einer Dokumentation auf ARTE.

Wie der Zufall es wollte, konnte ich mir vor einigen Jahren einen bereits länger gelagerten Wein dieser Einstiegsserie bei einer Kellerauflösung besorgen. Ich wollte unbedingt wissen, wie ein gechipster Wein altert und ließ ihn noch in meinem Keller weiter reifen. Dieser Tage war es dann soweit.

Ravenswood, Vintners Blend, Zinfandel, 1999, Kalifornien. In der ziemlich alkoholischen Nase findet sich viel Heidelbeere und Pflaume sowie ein Hauch Leder. Mit etwas Luft gesellt sich eine Paprikanote dazu und die Blaubeere dominiert. Am Gaumen ist der Wein mittelkräftig bei mittlerem Volumen und eher dünner Textur mit einer frischen Säure. Insgesamt dominieren die Fruchtaromen, Tannin oder Holzwürze sind allenfalls noch zu erahnen. Da wo ich bei einem Wein dieses Alters Reifearomen erwarten würde, klafft ein Loch. Das ist etwas eindimensional und müde. Die 13,35% Alkohol treten nicht weiter in Erscheinung. Der Abgang ist mittellang. Für einen Basiswein, der im Zielmarkt zehn Dollar kostet und eigentlich nicht zehn Jahre gelagert werden soll, ist das ein sehr ordentlicher Auftritt.

Der Lernerfolg war bescheiden. Ich glaube nicht, dass ein Wein aus dem großen Fuderfass – die Chips sollen bei diesem Wein keine Barrique-Intensität erzeugen – sich unbedingt anders entwickelt hätte. Weit weg von früheren Erfahrungen mit überlagerten einfachen Spätburgundern war das nicht.

Auf die Größe kommt es manchmal doch an

Wer ob der Überschrift Schlüpfrigkeiten erwartete, wird jetzt vielleicht enttäuscht sein, aber es geht hier um Flaschengrößen – ist ja schließlich ein Weinblog. Welchen wirklich großen Einfluss die Flaschengröße auf den Reifeverlauf auch eines Rieslings hat, konnte ich einmal mehr anhand eines letzte Woche verkosteten Weines erfahren, für den es zufälligerweise gerade Sekundärliteratur zum Vergleich gibt. Der Riesling stand nämlich auch (aus der Normalflasche) auf der Verkostungsliste des Gault Millau für die Bernhard Breuer Trophy, also die Verkostung 10 Jahre alter Spitzenrieslinge, und soll nach einem Bericht von Werner Elflein im Glas ziemlich rasch abgebaut haben.

Ich habe den Wein noch in Magnumflaschen und eine davon konnte ich letztes Wochenende öffnen, da ich genügend an Riesling interessierte Gäste hatte. Fazit: selbst Freunde jüngerer Weine waren begeistert ob dieses wirklich fantastischen Weines, welcher Reife und Frische perfekt balanciert. So hat der Wein aus der Normalflasche vermutlich vor drei oder vier Jahren geschmeckt.

Eitelsbacher Karthäuserhofberg, Riesling Auslese trocken -S-, 1999 (Magnum), Karthäuserhof, Mosel (Ruwer). Die vergleichsweise frische Nase erinnert an Rhabarber, Vanille, ein wenig Honig und zeigt auch einige würzige Reifenoten. Am Gaumen ist der Wein zwar sehr trocken aber auch sehr fruchtig mit Anklängen von Himbeere und viel Pfirsich, dazu ist er wahnsinnig mineralisch von der ‚rauchigen‘ Art. Der Abgang ist mineralisch, trocken ohne gezehrt zu wirken und sehr lang.

In diesem Fall verheißt die Extragröße auch Extragenuss…