Coravin Erfahrungsbericht

Coravin: Absacker deluxe

Manchmal geht Gründlichkeit vor Schnelligkeit, also gibt es heute eine ‚Zeitung von gestern‘, einen Testbericht zum Coravin Wein-Accessoir. Das hat aber den Vorteil, dass ich etwas mehr Zeit zur Beobachtung hatte. Und zu beobachten gab es durchaus etwas.

2015 hat das US-Unternehmen Coravin den deutschen Markt betreten. Coravin hatte nach längerem Tüfteln ein Gerät entwickelt, das es erlaubt, aus einer verkorkten Weinflasche eine beliebige Menge abzuzapfen, ohne dass der in der Flasche verbleibende Rest dadurch in Mitleidenschaft gezogen wird. Die Lösung macht sich zwei Tatsachen zu Nutze: dass Kork der elastischste Werkstoff ist, der in der Natur vorkommt, sowie die Eigenschaft des Edelgases Argon, nicht mit Wein zu reagieren, wenn man beide miteinander in Verbindung bringt.

Coravin setzt auf Medizintechnik

Coravin-Gründer Greg Lambrecht kommt aus der Medizintechnik, und so erklärt sich, dass das Herzstücks des Coravin-Geräts eine Spinalnadel ist. Diese wird durch den Korken gedrückt und anschließend Argon in die Flasche gepumpt. Im nächsten Schritt fließt durch die Nadel dann vom Überdruck getriebener Wein. Nach diesem Vorgang hat die Flasche zwar einen deutlich größeren Luftraum als vorher, dieser ist jedoch mit neutralem und den Wein nicht beeinflussenden Argon gefüllt. Das Loch im Korken schließt sich binnen weniger Sekunden hermetisch.

Mit dem ‚Model One‘ stellte das Unternehmen aus Massachusetts letztes Jahr eine etwas günstigere Variante ihres Gerätes vor. Diese erhielt ich vom Unternehmen als kostenloses Rezensionsexemplar und probierte es über einige Monate aus. Das haben andere vor mir auch schon getan, doch manchmal möchte man die Dinge lieber selber ausprobieren. Außerdem wollte ich wissen, ob ich nach Ablauf des Testes das Gerät weiter nutzen würde. Als Testkandidaten wählte ich einen Wein, der mir sehr gut bekannt ist, damit mir eventuelle Anomalien auch leicht als solche auffallen.

Coravin-Test mit Halenberg

Meine bessere Hälfte und ich haben einmal in der Woche Datenight. Im Anschluss an diese gönne ich mir gelegentlich noch einen ‚Absacker‘. Das ist eine typische Situation, in der ich gerne eine begrenzte Menge eines edleren Weines trinke, denn nach dem Besuch gehobener Gastronomie den Abend mit Literriesling ausklingen lassen – das ist nicht so meins… Andererseits ist meine durch entsprechende Fallzahlen untermauerte Beobachtung die, das gereifte Riesling GGs der Jahrgänge 2007 und älter nach Anbruch keine Nacht im Kühlschrank vertragen. Damit fiel diese Weinkategorie für meinen Absacker immer aus. Mit dem Coravin sollte das jetzt anders werden.

Ich wählte ein Halenberg GG von Emrich-Schönleber aus 2005 und startete meinen Versuch. Die Handhabung ist simpel. Man kann allerdings zwei Fehler machen: Sitzt die Nadel nicht ganz fest, entweicht das relativ teure Argon im Übermaß, gibt man zu viel Druck auf eine Flasche, löst man den Korken. Diesen kann man dann zwar wieder hineindrücken, die Dichtigkeit ist davon aber negativ beeinflusst und eine solche Unfallflasche bietet sich nicht mehr für jahrelange Lagerung an.

Zum Ausgasen in den Kühlschrank

Coravin trübDer Wein kommt in der Regel trüb aus der Flasche, weil sich etwas Argon darin befindet. Andererseits lagerte mein Halenberg in einem Lagerschrank bei 14 Grad. Ich befüllte also jeweils mein Weinglas und stellte es dann in den Kühlschrank. Bis der Wein ansprechend kalt war, hatte sich auch die Trübung erledigt. Am ersten Abend schmeckte der Wein hundert Prozent wie erwartet.

Emrich-Schönleber, Monzinger Halenberg Riesling GG, 2005, Nahe.

Erstes Glas: Sehr fruchtige Nase mit vollreifer Aprikose, etwas Malz und Honig, sehr dezente Würze. Am Gaumen verhaltene, aber nicht ganz lasche Säure, voller Körper, malzig, süße Frucht, Aprikose und Mandarine, Karamell und Malz, Kohlensäure am Glasrand, leicht bitzelig, was schön ist, dezentes Zuckerschwänzchen, mineralische Tiefe und gewaltige Länge. Ersteindruck ganz nett, aber dieser Abgang ist gewaltig. Im Abgang wird der zum Niederknien wunderbar.
Monzinger Halenberg Riesling GG 2005Zweites Glas, drei Wochen später: Sehr würzige, malzige Nase, riecht auch nach Holz (kein Eichenholz, also nicht als hätte er im Barrique gelegen), Pistazie, kaum Frucht, vielleicht etwas Aprikose, aber eigentlich nur noch würzig. Am Gaumen: trocken, würzig, ordentliche Säure, durchaus schmelzig, satt, voll, Alkohol gut eingebunden, nach hinten raus ölig, nussig, wieder kaum Frucht, burgundisch, erinnert an Chardonnay. Zum Niederknien, aber ich würd nicht auf Riesling tippen. Wieder gerät der Abgang zum Jubelchor, diesmal in Nuss und Würze.
Die weiteren Gläser über einen Zeitraum von drei Monaten zeigten immer mehr Anklänge von Haselnuss, die ich so extrem noch in keinem Halenberg hatte. Aber der Wein wirkte nie gezehrt, oxidiert oder anderweitig geschädigt.

Als Fazit bleibt, dass der Wein eine aromatische Entwicklung genommen hat und nicht vollkommen unberührt blieb. Die Aussage, dass die Coravin-Apperatur den Wein vor Oxidation schützt, kann ich aber voll bestätigen.

Ich setze das Gerät seither gelegentlich ein. Wenn ich mich in meinem vinophilen Freundeskreis umschaue, hält sich der Erfolg dieses Weinzubehörs bei deutschen Privatanwendern in Grenzen. Zweihundert Euro kostet das Einsteigermodell, eine Patrone kostet 9 Euro und reicht für drei Flaschen. Ja, es ist typisch deutsch, aber für einige meiner Bekannten fühlt es sich an, als würden Sie nach jahrelanger Lagerung noch einmal für ihren eigenen Wein bezahlen sollen, wenn sie ihn mit dem Coravin ins Glas befördern. Für die Gastronomie allerdings ist das Gerät ein Segen. Wer glasweise eine Rarität im Restaurant anbieten möchte und ob des Glaspreises von zig Euro davon ausgeht, eine Flasche eher über zwei Wochen denn binnen zwei Stunden zu verkaufen, der kann das mit Coravin problemlos in Angriff nehmen.

8 Gedanken zu „Coravin: Absacker deluxe“

  1. Kann nicht nachvollziehen, dass da jemand an der falschen Stelle spart. Besitze das Gerät nun seit einem Jahr und habe es IMMER in der Anwendung. Wichtigster Punkt ist, immer vor dem Gebrauch, also bevor das Coravin auf die Flasche kommt, einen kurzen Stoß Argon in das System zu geben, sonst tritt eine geringe Menge Sauerstoff in die Flasche, die sich zuvor im System befand. Das habe ich zuerst nicht beachtet und hatte Oxydationseffekte. Danach habe ich nun sicher 50 Flaschen alltagstaugliche, aber auch anspruchsvolle Weine (zuletzt einen Garnacha von Telmo Rodriguez) hiermit getrunken. Ich bin überzeugt! In keinem einzigen Fall hatte ich etwas auszusetzen. Nie wieder ohne! Und ja gute Dinge haben eben ihren Preis.

    1. Das ist interessant. Wie schaffen Sie es, dass das Argon in der Nadel bleibt? Argon ist ja so deutlich schwerer als Luft, dass es eigentlich sofort aus der Nadel entweichen und durch Luft ersetzt werden müsste.

      1. Ich gebe vor jedem Gebrauch, wenn der Coravin auf dem Korken sitzt sitzt, einen kurzen Argonstoß auf das Gerät, kling jetzt komisch, hoffe Sie wissen was gemeint ist und drücke dann das Gerät in die Flasche! So habe ich bisher nie Probleme gehabt, gibt ja auch ein entsprechendes Video hierzu bei Coravin.

    2. Und was ich noch sagen wollte, eine Patrone reicht bei mir für 4-5 Flaschen. Benutzen Sie das Gerät nie, wenn weniger als die Hälfte in der Flasche ist, dann öffnen Sie die Flasche, es wird sonst unverhältnismäßig viel Argon vebraucht, auch das hat der Erfinder in einem Video empfohlen!

  2. Habe das erste Modell auch schon seit Dezember 2014 im Einsatz und bin hochzufrieden. Was die Entwicklung angeht – habe ich so bisher nie wahrgenommen. Interessant wäre es zu wissen, ob das auch so ohne Coravin passiert wäre – mitunter kann das ja auch vorkommen…

    1. Deswegen habe ich einen Wein genommen, den ich in- und auswendig kenne und würde sagen: das ist schon eine Entwicklung, die ich noch nie wahrgenommen habe. Aber es ist keine schlechte gewesen und sie spricht definitiv nicht gegen den Einsatz des Gerätes.

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